Trutzburg Teppichstange

Heute war ich in meinem Kindheitsdorf, und habe dort ein Viertel aufgesucht, das als düsterer Ort immer wieder in meinen Träumen auftaucht. Ich bin nie mehr dort gewesen, und schon seit längerem habe ich mir vorgenommen, dieses Viertel aufzusuchen, um zu sehen, was daraus geworden ist, was es heute in mir auslösen würde. Das Düstere rührt möglicherweise daher, dass es aus riesigen Wohnblocks bestand, Trutzburgen, unbezwingbar, dunkel, bewohnt von fremden Leuten, die eine andere Sprache sprachen und von Kindern besetzt, die allein durch ihre Blicke eine große, unbenennbare Gefahr darstellten. Also mieden wir dieses Viertel, aber selbst von Weitem hing diese Gefahr als schwarze Wolke über den Blöcken.

Ich erzählte das meinem Bruder, und er sagte, er weiß genau, was diese Blöcke in mir auslösten, ihm sei es als Kind ganz genauso gegangen. Ich solle aber nicht enttäuscht sein, es sind ganz normale Häuser, die man als Erwachsener in keinster Weise so wahrnimmt. (Ich muss in diesem Zusammenhang sagen, dass wir nicht fremdenfeindlich erzogen wurden.)

Und dann ging ich los, und tatsächlich, ich wäre fast daran vorbei gelaufen, so stinknormal waren diese Wohnblocks, aus der Trutzburg ist ein dreistöckiges Haus geworden, und es sah aus, wie Blocks aus den 60 er Jahren eben aussehen, heute allerdings freundlich gelb gestrichen (mein Bruder meinte, das waren sie damals schon, ich habe sie als grau in Erinnerung) und mit hübschen Balkönchen dran.

Doch dann standen da die Teppichstangen. Teppichstangen, dunkelgrün und verrostet, eingefasst in Beton, auf einem ordentlich gemähten Rasen. Sogar Teppiche hingen daran,  bereit ausgeklopft zu werden. Dahinter tauchten, für ein paar Sekunden, die grauen Trutzburgen auf.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemeines

6 Antworten zu “Trutzburg Teppichstange

  1. charlesmarto

    Sowas ähnliches kenne ich – allerdings erinnere ich mich nicht an menschen, sondern an eine stimmung. Ich muss damals ungefähr 3 oder 4 jahre alt gewesen sein & wir zogen nach freiburg/breisgau in ein altes haus. Dunkelbraun verputzt, hoher zaun um den vorgarten, den ich als kind nicht betreten durfte, knarrende treppen und eine schwere wohnungstür. Parkettboden. Ich war wohl ein etwas zappeliges kind, jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich ruhig sein musste, weil sonst die „alten von unten“ schimpfen. Nicht singen, nicht hüpfen, am besten nicht da sein. Details? Vor allem modergeruch und nichts helles. Das haus war lichtleer, der garten war nie grün, sonne hatte sich (in meiner erinnerung) nie in diese straße verirrt, in der es auch keine lieder gab, keine blumen, keine kinder und nicht mal katzen oder hunde. Meine erinnerungsbilder sind düster – wäre ich ein regisseur, wäre es das licht nach einem atomkrieg. Ganz am ende der straße stand ein haus mit einem dachgarten. Ich fragte mich, ob man von dort oben nicht herunterfallen könne, aber nicht, ob dort die sonne schien.

    Im gegensatz zu dir werde ich diesen ort aber nicht mehr besuchen. Es war die einzige zeit, in der ich nicht kind sein durfte & ich bin froh, dass meine eltern nach einem halben jahr eine andere wohnung fanden – mit nachmittagssonne, spielplatz, erdügeln und einem bach in der nähe: Juhuuu!

    • Ich fände es schon interessant, ob der Ort wirklich so düster war, oder ob du ihn aus bestimmten Gründen als Kind nur so empfunden hast. Willst du ihn nicht mehr besuchen, oder gibt es ihn nicht mehr?

      • charlesmarto

        Ich weiß nicht, ob die häuser noch stehen. Bestimmt sieht es dort anders aus als in meinen erinnerungen, aber die hab‘ ich halt seit rund 45 jahren in mir. Ich würde auch nicht mehr in die spezielle straße finden, sondern könnte bestenfalls versuchen, die „atmosphäre“ dieses stadtviertels wahrzunehmen – nicht wissend, was sich dort baulich/soziologisch etc. verändert hat. Vielleicht sträubt sich auch etwas in mir gegen die vorstellung, heute meine erinnerungen und gefühle zu überdenken. Ich lasse sie wirklich lieber als „schwarzes loch“ zurück – dort, wohin es mich später verschlagen hat, war’s ja ganz schön, auch wenn ich mich als „saupreiß“ erst mal im wahrsten sinne des wortes durch die oberbayerische kleinbürgeridylle boxen musste…

  2. swl

    ein teil meiner düsteren vorstellung ist der teppichklopfer auf meinem po. kann man diese praktischen dinger eigentlich irgendwo noch kaufen? ich kann meine orte nicht mehr besuchen, da es sie nicht mehr gibt, aber ich kann dir jedes kleinste detail beschreiben, sogar den geruch. den teppichklopfer würd ich aber gern noch mal in der hand halten.

    • ja, mit den Gerüchen geht es mir genauso: ich werde bestimmte Gerüche nie vergessen, und manchmal tauchen alte Gerüche irgendwo auf, die sofort, schlagartig eine Erinnerung an ein Ereignis, einen Ort oder eine Person wachrufen.
      Und den Teppichklopfer kenn ich in dieser Verwendung zusammen mit dem Kochlöffel auch.
      Gibt´s bestimmt noch zu kaufen, da wett ich was. Wofür brauchst du ihn? 😉

      • swl

        na um erinnerungen wach zu klopfen. ja den kochlöffel kenn ich auch noch. wir haben vorher immer lederhosen angezogen, aber irgendwann hat der trick auch nicht mehr funktioniert. die düsternis dieser zeit kommt meines erachtens aber nicht nur durch die alten gebäude, die feuchtigkeit, den geruch von ölheizungen. es ist schon auch die erinnerung an viele erwachsene an jedem eck, die einem mit diesem strengen blick ansehen, als wollen sie einen ständig züchtigen. das „brav-sein“ war immer noch eine vollkomen idiotische überzogene vorstellung der damaligen zeit. übrigends typisch deutsch, wie ich später festgestellt habe. trotzdem fand ich das alles auch sehr spannend. ich war ständig auf verbotenen erkundigungstouren, die schläge hat man einkalkuliert.

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