Was für ein Buch!!! „Roman unserer Kindheit“ von Georg Klein

Nicht leicht zu lesen, aber diese merkwürdige, düstere Geschichte eines Kindheitssommers in den 60er-Jahren zieht einen sofort in den Bann.

Georg Klein ist ein Sprachakrobat. Er benötigt keine Modernismen. Um etwas in die Vorstellungskraft des Lesers zu pflanzen, erfindet er notfalls Wörter neu, baut Sätze, die man manchmal am liebsten dreimal lesen möchte.

Die Frage, wer oder was ist der Ich-Erzähler, löst sich auf schauderhafte Weise erst ganz am Ende des Buches.

Sieben Kinder, die, bis auf die schicke Sybille nicht bei ihren eigentlichen Namen genannt werden (der große Bruder, der Wolfskopf, der Schniefer , die Zwillinge…), erleben ihren letzten gemeinsamen Sommer, bevor sich die Wege in die Zukunft trennen. Sie erleben ihn aus einer kindlichen Wahrnehmung und das, was für die Zeit so typisch ist, ist ständiger Begleiter: das Unausgesprochene,  das ahnungsvoll, angstvoll immer in der Luft liegt. „Darüber spricht man nicht“, das ist die Mentalität der Zeit, und auch im Buch wird immer nur angedeutet.

Sie erforschen den „Bauch des Bärenkellers“, eine aufgelassene Wirtschaft, deren uralte Lagerkeller labyrinthisch in neue Welten führen. Ein abgewracktes Sofa, achtlos auf dem Spielplatz abgestellt, wird zum Ausgangspunkt der Forschungsreisen. Die drei Kriegsversehrten, der Mann ohne Gesicht, der Fehlharmoniker und der Kickimann sind die einzigen Erwachsenen, die das kindliche Erleben auf ihre Weise nachvollziehen. Aber auch die anderen Erwachsenen werden Dank des Ich-Erzählers, der alles zu sehen scheint, jeder auf seine Weise durchleuchtet.

Auf der Leipziger Buchmesse  erhielt Georg Klein den mit 15000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis 2010 (ich habe darüber berichtet).

Georg Klein ist gebürtiger Augsburger. Der Stadtteil, in dem die Handlung spielt, ist der Bärenkeller, eine 60er -Jahre Siedlung, ganz in der Nachbarschaft der damaligen Ami-Kasernen und Ami-Kneipen.

Und nachdem diese faszinierende Geschichte schon in meiner Lieblingsspießerheimatstadt spielt, werde ich demnächst mein Fahrrad packen und in den Bärenkeller rausradeln, um zu sehen, was aus dieser Zeit noch  übrig geblieben ist, ob ein Hauch dieses Flairs noch aufzufinden ist. Ich bin gespannt, und ich werde dann berichten.


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7 Kommentare

Eingeordnet unter Buchbesprechungen

7 Antworten zu “Was für ein Buch!!! „Roman unserer Kindheit“ von Georg Klein

  1. Armin

    lach… Wirst du den BärenKELLER finden???? Bin schon gespannt auf deine Fotos. Und merke: Immer schneller als 20 kmh radln, sonst fehlt plötzlich was. Das Vorderrad zum Beispiel.. oder so 😉

    • Armin, ich kann dir heute kaum folgen…. gehirn ist erst bei ca. 14 km/h.
      Aber zum Thema: den BärenKELLER werd ich wohl nicht finden, ich denke der ist eine literarische Erfindung. Aber ich werde im Stadtteil Bärenkeller mal suchen, ob es eine alte Wirtschaft gibt, die das gewesen sein könnte, und auch die „neue Siedlung“ abklappern nach im Buch angegebenen leicht veränderten Straßennamen, dem Eulenhorst, dem Elsternweg, dem Drosselgrund. So ähnlich heißen die Straßen dort ja. Es wird spannend, glaub ich.

  2. charlesmarto

    Ohne das Buch zu kennen: Ich kann mich, als jemand, der 1960 auf die Welt gekommen ist, noch gut an das für mich Unaussprechliche und schwer Fassbare erinnern – z.B. an die Empfindung einer düsteren und dumpfen Leere, als die Sowjetunion den Prager Frühling mit Gewalt beendete – ich hörte nicht nur das Wort „Krieg“, sondern dieser Begriff war mit für mich nicht deutbaren Gefühlen gefüllt – ich sah Angst in den Gesichtern der Erwachsenen, das Alltagsleben war „anders“ und ich konnte es gedanklich bzw. „vernünftig“ nicht fassen. Es war auch die Zeit der Studentenunruhen – eines Tages, wir wollten in die Stadt fahren (Freiburg), sagte meine Mutter „wir können nicht in die Stadt, dort wird demostriert und das ist mir zu gefährlich!“ – für ein Kind, das zu klein ist, um zu verstehen, schwer zu verarbeiten.

    Interessant bei deinem geplanten Streifzug in den Bärenkeller wäre es auch zu wissen, ob (und in welchem Ausmaß) es dort Bombenschäden gab und v.a. wann die letzten zerstörten Gebäude abgerissen oder wieder aufgebaut worden sind. Ich erinnere mich noch ganz diffus an Bilder von Ruinen in Freiburg…

  3. … ich habe gehört, manche lassen sich lieber foltern, als dieses klien-buch zu lesen … aber den augsburger bärenkeller mag ich auf jeden fall. schon wegene meine dortigen freunden dieter, yogi und den gebeles….

  4. Pingback: Der Bärenkeller aus „Roman unserer Kindheit“ « Daniela Kulot. Illustration. Blog

  5. Georg Klein hat den Leipziger Buchpreis wie wenige andere vor ihm hoch verdient. Ich finde den „Roman unserer Kindheit“ faszinierend, weil es eine autobiographische Reise in die vergangene Phantasie des Kindes mit literarischen Mitteln ist.
    Und so ganz verstehe ich diejenigen nicht, die Mühe mit dem Lesen des Buchs haben: Nach wenigen Seiten war ich „drin“.

  6. Jutta

    Hallo! Ich lese gerade das Buch, das mich EXTREM fasziniert!
    Darum habe ich auch die im Buch genannten Ortsmarken gegoogelt und bin auf diese Seite gestoßen.
    Kleins Sprache ist eigen und supergut dafür da, die auch heute noch spürbare Eigenheit dieser Gegend mit Siedlung aus der Nazizeit, die auch nach dem 2.Weltkrieg eng mit der deutschen Geschichte (Aufbewahrung von Naziverbrechern unter den Augen der Besatzung etc.) verbunden war und ist (viele Migranten finden hier heute eine erste Wohnung) ohne Plattheit und Eingefahrenheit als „Setting“ für die diversen Erfahrungsfelder des Aufwachsens zu hinzustellen. Nur durch diese Sprache bleibt genug Raum, das, was „auch noch da ist“ – das unterschiedlich Unaussprechliche,sei es der wachsende Busen der Schicken Sybille oder der Nachhall der Verbrechen der Nazizeit – mit in den Text zu geben. Magisch!

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